Lieber Egon: Ab wann ist Laufen eigentlich Trailrunning?

Trailrunning klingt schnell nach steilen Bergen, technischen Downhills und ziemlich vielen Höhenmetern. Aber braucht es das alles wirklich? Wir wollen im September herausfinden, wo Trailrunning anfängt und was wir zum Start brauchen.

Wir machen bei move:sum im September gemeinsam „Trail & Error“. Heißt: Wir wollen Trailrunning kennenlernen, selbst ausprobieren und dabei herausfinden, wie viel Expertenwissen man wirklich braucht, bevor man einfach mal auf einen Trail abbiegt.

Bevor wir allerdings selbst irgendwelche Wurzeln übersehen, haben wir jemanden gefragt, der sich damit tatsächlich auskennt. Egon Theiner ist Medienfachmann im Sport, Podcaster („Lauf Alter“) und Trailrunning-Aficionado. Von ihm wollten wir wissen, wie niedrig die Einstiegshürde wirklich ist, warum Gehen plötzlich völlig okay ist und was wir bei unserem ersten richtigen Trail besser nicht ausprobieren sollten.

Ab wann darf ich eigentlich behaupten, dass ich Trailrunning mache?

move:sum: Fangen wir ganz vorne an: Ab wann darf ich eigentlich behaupten, dass ich Trailrunning mache? Reicht der Waldweg im Prater oder brauche ich dafür mindestens einen Berg und sehr kleine Laufshorts?

Egon Theiner: Ehrlich? Sobald du einmal von der Straße oder dem Asphaltweg runter bist und deine Füße Wurzeln, Steine oder Waldboden spüren, bist du dabei. Der Waldweg im Prater zählt also völlig. Du brauchst keinen Berg, keine Höhenmeter und schon gar keine besonders kleinen Laufshorts – ob lange oder kurze Hosen: alles passt. Courtney Dauwalter, ein Star der Szene, läuft ihre Rennen sogar in weiten Basketball-Shorts. Trailrunning ist am Ende einfach: Laufen auf unbefestigtem Untergrund, mit offenen Augen für das, was um dich herum passiert. Alles andere – Berge, Distanzen, Höhenmeter – kommt später von ganz allein, wenn du Lust drauf bekommst.

Kann Trailrunning auch ganz einfach sein?

move:sum: Trailrunning sieht von außen schnell nach ziemlich ernstem Sport aus: technische Downhills, viele Höhenmeter, Ultras mit absurden Distanzen. Was ist daran trotzdem eine richtig gute Sportart für jemanden, der einfach einmal ausprobieren möchte, ob ihm das Spaß macht?

Egon: Genau das ist der schöne Trick dabei: Die spektakulären Bilder, die man von außen sieht – technische Downhills, Ultras in der Nacht, ausgesetztes Gelände –, sind die Spitze, nicht der Einstieg. Du musst da nicht hin, wenn du nicht willst. Für den Anfang reicht ein Waldweg, ein bisschen Neugier und die Bereitschaft, auch mal langsamer zu werden oder zu gehen. Trailrunning verzeiht dir das Tempo, weil der Untergrund und die Landschaft ohnehin die Regie übernehmen. Du wirst automatisch entschleunigt, schaust mehr nach vorne als auf die Uhr und merkst zuweilen erst hinterher, wie gut dir das getan hat – körperlich wie mental.

Bergauf gehen. Dürfen wir das wirklich?

move:sum: Eine Sache finden wir besonders sympathisch: Beim Trailrunning gehen sogar die Profis bergauf. Wann läuft man eigentlich noch und wann geht man einfach?

Egon: Das ist tatsächlich eine der befreienden Erkenntnisse im Trailrunning: Gehen ist kein Scheitern, Gehen ist Strategie. Sobald ein Anstieg so steil wird, dass Gehen genauso schnell (oder schneller) ist als ein mühsames Trippeln im Laufschritt, wechseln selbst die besten Athletinnen und Athleten der Welt ganz selbstverständlich ins Gehen – meistens mit den Händen auf den Oberschenkeln, um sich hochzudrücken. Eine grobe Faustregel: Wird die Steigung für eine Läuferin oder einen Läufer individuell so heftig, dass sich der Laufschritt eher wie ein Hüpfen auf der Stelle anfühlt, ist spätestens dies ein Signal zum Gehen.

Erster Trail. Kann was schiefgehen?

move:sum: Nehmen wir an, ich laufe normalerweise auf Asphalt und möchte am Wochenende meinen ersten richtigen Trail ausprobieren. Was sind die drei Dinge, bei denen du mir vorher sagen würdest: Philipp, bitte mach keinen Blödsinn?

Egon: Erstens: Schau dir vorher an, wo du eigentlich läufst. Nicht jeder hübsche Pfad auf einer Karte ist an einem Nachmittag machbar, gerade wenn Höhenmeter dazukommen – plane lieber kürzer und komm begeistert zurück, statt dich zu übernehmen.

Zweitens: Trailrunning-Schuhe sind kein Marketing-Gag. Der Grip auf Wurzeln, nassem Stein oder losem Untergrund macht wirklich den Unterschied zwischen einem schönen Nachmittag und einem umgeknickten Fuß.

Drittens: Sag jemandem, wo du unterwegs bist, und hab ein Handy dabei, selbst wenn’s „nur“ der Wienerwald ist. Wald bleibt Wald, auch wenn die Stadt gleich daneben liegt.

Was kann der Trail, was Asphalt nicht kann?

move:sum: Und zum Schluss: Was passiert beim Trailrunning, das dir auf einer normalen Laufrunde einfach fehlt?

Egon: Der Moment, in dem der Kopf komplett leer wird. Auf Asphalt läuft ein Teil von mir immer mit im Autopilot-Modus, denkt an die Pace, oder den Feierabend, oder an die nächste Aufgabe. Auf dem Trail geht das nicht – jede Wurzel, jeder Stein, jeder Höhenmeter verlangt volle Aufmerksamkeit, und genau in diesem Moment verschwindet plötzlich alles andere. Das ist für mich der eigentliche Grund, warum ich nie wieder zurück will: Es ist die einzige Sportart, bei der ich komplett im Hier und Jetzt lande, ohne es mir extra vornehmen zu müssen.

Autor: Philipp Sturm
Bilder: © TVB Reschenpass

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