Als ich aufhörte zu gewinnen und anfing, Momente zu sammeln.

„Zwischen den Einheiten“ ist Platz für alles, was rund um den Sport passiert: Gedanken, Umwege, Zweifel, Aha-Momente. Heute darf ich als Pferdemädchen das Wort ergreifen. Es geht darum, warum ich irgendwann aufgehört habe, Wochenenden nach Platzierungen zu bewerten und warum mir ein Kaltblüter namens Jim heute viel mehr über Sport beibringt als jede Turnierschleife.

Die Wochenenden genau dieses Pferdemädchens bestanden früher aus zwei Dingen: Dem Aufstehen im Morgengrauen und der Hoffnung, dass Johnny und ich uns heute nicht blamieren. Ich war Turnierreiterin und Johnny der springende Part unter dem Sattel. Zu unseren Wochenenden gehörten dampfige Abreitplätze im Morgendunst, akkurat um 4 Uhr morgens eingeflochtene Mähnen, die heimlich schon beim Anblick des nächsten Hindernisses wieder aufsprangen, und natürlich dieser stille, stete Vergleich mit allen anderen. Wer hat die saubereren Übergänge? Wer die schickeren Stiefel? Und warum sieht deren Pferd eigentlich aus, als würde es nebenbei noch Steuererklärungen machen können?

Turnierreiten ist ein bisschen wie Projektmanagement unter Adrenalin: teuer, zeitintensiv, voller To‑dos. Und niemand sagt einem, dass Pferde an Turniertagen übernatürliche Fähigkeiten entwickeln; vor allem die Fähigkeit, der Reiterin auf den eh schon strapazierten Nerven herumzuspringen. Dazu kommt der ständige Leistungsdruck: Man trainiert monatelang, nur um dann am Samstagmittag nach einer missglückten Prüfung mit hängender Schleppe vom Platz zu trudeln. Vergleichsstress für Mensch und Tier inklusive. 

Dann kam dieser Tag im September 2009, als ich zum Studieren von heute auf morgen das Land verlassen habe. Mit diesem Schritt veränderte sich alles. Mein Alltag, mein Umfeld und vor allem mein Fokus. Ich hatte weniger Zeit, weniger Geld, mehr Realitätssinn und eine neue Welt, in der ich mich erst zurechtfinden musste. In mir kam die Frage auf, ob Sport eigentlich immer Wettbewerb bedeuten muss. Die Antwort war ein überraschend deutliches „Nein“.

Heute sieht mein Leben als Pferdemädchen ganz anders aus. Ich betreue mittlerweile einen jungen, arbeitswilligen Kaltblüter. Eine Tonne pure Kraft, die nichts und niemand aus der Ruhe bringen kann. Jim steht in seiner Karriere noch ganz am Anfang, aber er lernt schnell. Sehr schnell. Und für eine knackige Karotte macht er (fast) alles! 

Erst vor kurzem hatten wir uns auf ein Führtraining einigen wollen. Er stand neben mir wie ein Fels, ruhig, in sich ruhend, offenbar tief versunken in die philosophische Betrachtung eines Grashalms. Alles wie immer also. Ich gab ein Signal zum Antreten, aber Jim schaute nur. Wir warteten. Dann, nach gründlicher innerer Beratung, setzte er sich mit der Ernsthaftigkeit einer Tonne Lebendgewicht in Bewegung. Wir waren uns also endlich einig. Genau diese Ruhe und Klarheit bringt uns hinaus aufs Feld und in den Wald. 

Wir zwei sind viel unterwegs. Gerade seitdem alles wieder auszutreiben begonnen hat, dieses erste, zarte Grün, das wirkt, als hätte jemand die Natur nach dem Winter auf „Sättigung
150 %“ gestellt. Kein staubiger Reitplatz, keine überfüllten Reithallen, keine Fahrten mit dem Pferdehänger. 

Wir üben dann viel Bodenarbeit: feine Signale, klare Rollen, präzise Kommunikation. Ein bisschen wie ein Coaching‑Workshop, nur mit mehr Fell und weniger Post‑its. Aus diesen kleinen Momenten entsteht eine tiefe Bindung. Kein Ranking, kein Messen, kein „Wie waren die anderen?“. Nur eine schöne Zeit und ein zufriedenes Schnauben, gefolgt vom Zermahlen der heißgeliebten Karotten. 

Und manchmal denke ich: Ich habe gar nicht aufgehört, diesen Sport zu machen. Ich habe nur angefangen, die Bewegung und auch meine Wochenenden viel mehr zu genießen. Gemeinsam mit einem Pferd, das noch viel vor sich hat und mir zeigt, dass Fortschritt vor allem Spaß machen darf.

Autorin: Jacqueline Kloft
Bilder: Jacqueline Kloft

Jacqueline Kloft arbeitet an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, sozialem Wandel und Kommunikation. Als Texterin liebt sie Geschichten, die leise anfangen und stark nachhallen; besonders dann, wenn Bewegung, Natur und ein bisschen Selbstironie darin vorkommen. Zwischen Laptop und Feldweg sammelt Jacqueline Momente, die zeigen, dass Sport nicht stressig sein muss, um etwas zu bewegen.

Zur Autorin, Jacqueline Kloft

Der move:sum Newsletter
Sport ohne Fitnesslärm

Der Newsletter für alle, die Sport wollen,  aber keine Lust mehr auf Fitness-Inszenierung haben. Praktische Challenges, ehrliche Gedanken & frische Ideen – jede Woche direkt ins Postfach.

Jetzt anmelden